Besatzer oder Amigos ?

Mehr als acht Millionen Urlauber kommen im Jahr nach Mallorca, von denen sich bis zu 350.000 gleichzeitig dort aufhalten. Eine solche touristische Invasion wirkt auf viele Einheimische wie die Besetzung durch fremde Armeen.

Und Besatzer lieben die Insulaner gar nicht, die haben sie im Laufe ihrer Geschichte schon reichlich erlebt. Deshalb machte ein als ernsthafter Vorschlag getarnter "Scherz" auch ziemlich Furore, den sich vor einigen Jahren im Nachrichten-Sommerloch ein Bundestagsabgeordneter leistete: Er regte an, man solle doch den Spaniern Mallorca für ein paar Milliarden Mark abkaufen, und sorgte damit für eine Riesenschlagzeile in der auch auf Mallorca überall aushängenden Bild-Zeitung.

Die Mallorquiner empfanden das als üble Anmaßung, die man den Deutschen noch lange ankreiden wird. Stolz, Ehre und Würde spielen im Gefühlsleben der Spanier eine viel wichtigere Rolle als bei uns. Spanier empfinden es als unwürdig, wenn Touristen in kurzen Shorts und nacktem Oberkörper oder Frauen im Strandoutfit durch Palma bummeln, derart leicht bekleidet in Lokalen sitzen oder gar Anstalten machen, so die Kathedrale zu besichtigen. Die Mallorquiner bemühen sich zwar, unangemessene Verhaltensweisen dieser und anderer Art zu "übersehen", aber man merkt ihnen oft genug an, wie sie trotzdem darunter leiden. Ihre Einschätzung würdeloser "forastres" (Ausländer) steht ihnen ins Gesicht geschrieben. So auch manchem Kellner, der von turistas dieser Sorte laut und vernehmlich mit Bestellungen, wie etwa: "He, Ober, zwei Bier, aber rapido", traktiert wird. Selbst in der Bierstraße an der Playa de Palma macht die Bedienung oft genug nur gute Miene zu bösem Spiel. Man kann gelegentlich spanisches Personal erleben, das es mit gespieltem sprachlichem "Unverständnis" bewußt darauf anlegt, daß solche Urlauber wütend das Lokal verlassen.

"Mallorquiner sind von ihrem Temperament her ungefähr so weit vom stereotypen Bild des feurigen Spaniers entfernt wie wir selbst. Durch den intensiven Kontakt mit Besuchern aus aller Herren Länder ist in knapp drei Jahrzehnten aus einer rückständigen, traditionsbewußten Provinzregion Spaniens ein Stück Mitteleuropa mit hohem Lebensstandard geworden. Die spontane Verbrüderung mit Unbekannten gehört daher auch nicht gerade zu den typisch mallorquinischen Verhaltensweisen."

Tatsächlich ist das Verhältnis der Mallorquiner zu den Besuchern zwiespältig. Einerseits widerspricht die touristische Invasion ihren Vorstellungen, und das Verhalten vieler Urlauber und Residenten beleidigt ihren Stolz. Andererseits ist das Geld der Ausländer natürlich willkommen. Die Balearen verfügen über das höchste Sozialprodukt pro Kopf und die niedrigste Arbeitslosenquote aller spanischen Provinzen. Jedermann auf Mallorca weiß, daß die Insel ihren Wohlstand dem Tourismus verdankt, verdrängt aber diese Tatsache gerne.

Obwohl Kastilisch (castellano), das Hochspanische, und Mallorquin (mallorquí/catalán) gleichberechtigte Amtssprachen sind, erfolgen offizielle Bekanntmachungen der Inselregierung vermehrt nur noch in catalán. Dasselbe gilt auch für viele amtliche Formulare mit der Folge, daß selbst Festlandspanier bei Behördengängen oft Übersetzungshilfen benötigen. Mit der Bevorzugung der eigenen Sprache betont man ganz bewußt die vor allem in der Franco-Zeit unterdrückte Eigenständigkeit der Balearen. Im Inselinneren kann es schon mal vorkommen, daß Sie ein Mallorquiner nicht verstehen will, wenn Sie ihn auf Spanisch ansprechen. Dies steht durchaus in Einklang mit der Position der Balearenregierung, die ausländischen Residenten nachdrücklich empfiehlt, sich zu integrieren; sprich, Mallorquin zu lernen. Mallorca sei eben autonome Provinz und erst in zweiter Linie Spanien, heißt es.

Dem Mallorquin begegnen Besucher unweigerlich schon auf dem neuen Großflughafen San Joán, wo Hinweisschilder vor Englisch und Spanisch in der lokalen Sprache beschriftet sind, die nur von ganzen 600.000 Menschen gesprochen wird. Obwohl der Airport zu 80% aus Mitteln der EU finanziert wurde, wovon 60% aus deutschen Beiträgen stammen, und jährlich weit über 3 Mio. deutschsprachige Touristen kommen, findet man kaum Hinweise in deutscher Sprache.

Das zwiespältige Verhältnis der Mallorquiner zum Tourismus zeigt auch folgender Umstand: Obwohl der heute in den mallorquinischen Medien gerne abqualifizierte "Billigtourismus" über viele Jahre für das Gros der Einnahmen sorgte und immer noch sorgt, will man davon offiziell weniger wissen. Neue Planungen und Vorschriften sollen das Mengenwachstum des Tourismus begrenzen und über ein sog. "qualitatives Wachstum" das Niveau anheben, d.h. die Einnahmen je Besucher erhöhen. So dürfen neue Hotels nur dann gebaut werden, wenn alte dafür abgerissen werden und teuren Vier-Sterne-Komfort bieten. Die Geister, die man einst rief und die nach Ansicht der Inselregierung leider immer noch ihr Unwesen - z.B. am "Ex-Ballermann" - treiben, möchte man jetzt am liebsten ganz loswerden. Sie passen nicht mehr zum heute angestrebten Image der Insel. Statt dessen werden Golfer, Wanderer und Kreuzfahrttouristen umworben, die pro Tag ein Mehrfaches von dem ausgeben, was Durchschnittstouristen auf der Insel lassen. So erhofft man sich mittels betuchter Touristen ein möglichst weiter steigendes Sozialprodukt bei - am liebsten - nicht mehr wachsenden oder sogar sinkenden Besucherzahlen.

Zur Zeit aber boomt die Zahl der Mallorca-Touristen noch; 1999 lag sie bei über sieben Millionen. Die Einnahmen aus dem Tourismus-Geschäft stiegen auf ein Gesamtvolumen von über 9 Mrd. DM. Wenn sich in einem Jahr nur 5% der Touristen entschließen, ihr Urlaubsgeld anderswo auszugeben, hat dies einen Ausfall von nahezu 500 Mio. DM zur Folge. Als allerdings 1996 wegen ungünstiger Wechselkurse viele britische Gäste ausgeblieben waren und damit minus 3% Umsatz verursacht hatten, erhob sich ein großes Wehklagen. Düstere Prognosen sahen bereits ein Drittel der Hotels von Schließung bedroht. Als zusätzliche ergiebige Einnahmequelle mit ökologischem Deckmäntelchen hob man 1999 die sog. Touristensteuer aus der Taufe, mit deren Erlösen man die Umwelt auf Mallorca vor den Auswüchsen des Tourismus schützen will.

Und überhaupt haben die Regierenden es sich auf die Fahnen geschrieben, Ökologie vor Ökonomie zu setzen und endlich das ungebremste Wachstum im Tourismus und den unkontrollierten Zuzug ausländischer Residenten massiv einzudämmen. Es bleibt abzuwarten, inwieweit politische Willenserklärungen in diesem Bereich tatsächlich umgesetzt werden können. Der mallorquinischen Hotellerie geht es derweil ausgezeichnet. Viele Hotels sind nur sieben Monate im Jahr geöffnet (April bis Oktober). In dieser Zeit wird hart gearbeitet und ordentlich verdient, man spricht von 25% Rendite vor Steuern. Das reicht nicht nur den Eignern, um die übrige Zeit des Jahres gut leben zu können. Auch die zahlreichen Arbeitnehmer in der Tourismusbranche stehen nicht schlecht da. Nach je sieben Monaten Arbeit beziehen viele im langen, milden Winter Arbeitslosengeld und haben Zeit für anderes, etwa zum Hausbau für sich selbst oder den Nachbarn.

Der massenhafte Erwerb von Immobilien durch Ausländer, speziell durch Deutsche, führte in letzter Zeit bei den Einheimischen zu wachsender Besorgnis über den "Ausverkauf" der Insel und angeblich drohenden Verlust mallorquinischer Identität. Die Parole vom "Mallorca der Deutschen" machte die Runde, basierend auf der gleichnamigen und leider recht plump verfaßten "Sozial-Utopie" des katalanischen Journalisten Carlos Garrido. In Palma fanden sogar anti-deutsche Demonstrationen statt. Die germanische "Machtergreifung" Die Diskussion über die germanische "Machtergreifung" setzte seltsamerweise ein, nachdem viele Deutsche auf vernachlässigten Grundstücken baufällige Fincas gekauft und diese dann liebevoll und aufwendig renoviert hatten, meist im traditionellen Stil, ganz im Sinne der Erhaltung mallorquinischer Kultur. Vergessen wird von den Kritikern dieser Entwicklung, daß zu einem Verkauf immer zwei gehören. Nur zu gerne verkauft ein Mallorquiner Land und Hütte an einen Ausländer, wenn er von dem ein Mehrfaches des Preises erzielt, den ihm ein Landsmann zahlen würde.

Zugeben muß man aber, daß Arroganz und großspuriges Auftreten mancher Ausländer zu der heute spürbaren Antipathie, speziell gegen Deutsche, das Ihre beigetragen haben. Die Mallorquiner werfen den Fremden besonders vor, daß die meisten sich separieren und abschotten, anstatt sich zu integrieren. Die Idee etwa des Metzgermeisters Horst Abel, eine deutsche Partei im Sinne einer Interessenvertretung der deutschen Residenten auf Mallorca zu gründen, führte zu erregter öffentlicher Diskussion und sogar Morddrohungen gegen den Initiator. Der Gedanke wurde dann bald fallengelassen. Das Thema "Integration" taucht auch ohne dramatische Ereignisse immer wieder in der Presse auf. Aber wenn auf Diskussionsforen lokaler Zeitungen nur Mallorquin gesprochen wird und die eingeladenen deutschen Teilnehmer aus diesem Grund überwiegend gar nicht mitreden können, ist das für die Integration selbst gutwilliger Ausländer nicht gerade förderlich. Das gleiche gilt für kulturelle Veranstaltungen, die ein hervorragendes Forum für Integration sein könnten, sofern interessierte ausländische Besucher nicht von vornherein sprachlich ausgeschlossen würden, denn alles läuft auf Mallorquin ab.

Wie empfindlich die Einheimischen in diesem Punkt sind, zeigt das energische Vorgehen gegen Geschäfte und Restaurants deutscher Betreiber, die ihre Waren und Dienste mangels anderer Gäste nur auf Deutsch anbieten. Denn das verstößt nach neuerer "Sprachregelung" gegen das Gesetz. Betroffen sind besonders Betriebe im Bereich Playa de Palma, die sich bekanntlich "fest in deutscher Hand" befindet. Dort werben auch spanische Geschäftsinhaber und Wirte praktisch nur auf Deutsch, blieben aber weitgehend unbehelligt.

Aber es scheint auch bei den Mallorquinern die Einsicht zu wachsen, daß die Integration keine Einbahnstraße sein kann, und daß sie ebenfalls auf die Fremden zugehen müssen. Beispiele dafür sind "Runde Tische", zu denen Bürgermeister mallorquinischer Gemeinden ausländische Residenten eingeladen haben, und ein Sprachkurs für Ausländer in Catalán im lokalen Fernsehsender Canal 4 mit Begleitbüchern auf Deutsch und Englisch.

Texte:
REISE KNOW-HOW "Reif für Mallorca" Reisebuchverlag Dr. Hans-R. Grundmann
Hans-Ingo Raddatz "Mallorquinisch - Wort für Wort"